Nachts im Notdienst fahren - ärztlich psychologische Reflexionen

Liebe und Tod, Eros und Thanatos, ein Bericht aus dem nächtlichen ärztlichen Notdienst.

Aus dem Inhalt:

"Der ärztliche Bereitschaftsdienst in der Nacht hat etwas Besonderes an sich. Der Notdienst, den ich fahre, wird mit dem Taxi durchgeführt, und schon mit dem Taxifahrer allein entsteht in diesen nächtlichen Stunden so eine kleine Verschworenheit darüber, ob die Adresse stimmt, wie man im Dunklen den Hauseingang finden wird, ob der Kranke auch wirklich die Türe wird öffnen können usw. Ja, oft hat man das Gefühl, dass medizinische Nächstenliebe und Tod, Eros und Thanatos hier nahe zusammen rücken. Man sieht die Dinge schärfer, zugespitzter. Der Patient, der besorgt, zu so später Zeit auf den Arzt wartet und der Arzt, der mit seinem Fahrer in den dunklen Straßenschluchten nach der Adresse sucht, zu der er gerufen ist, sind wie durch einen geheimen Pakt verbunden. Es ist der Pakt der einsamen nächtlichen Tiefe, der Pakt eines verschworenen Treffens, einer von der übrigen im sanften Schlummer liegenden Welt getrennten, isolierten, Begegnung. Ein Telephonanruf, der an den Funk im Taxi weitergeleitet worden ist, ein Rückruf, wenn die Adresse, der Name an der Klingel nicht stimmt, wieder eine Bestätigung durch den Funk - wie durch Geisterhand ausgetauschte Botschaften also, wie durch Detektivarbeit gefundenen Hintereingänge und endlich: der wie in einem Niemandsland stattfindende direkte Kontakt: „Sind Sie der Notarzt"? „Ja, was fehlt? Um was geht es? Sind Sie der Kranke?"

Nein, er ist nicht nur der Kranke. Meist wird sehr schnell sichtbar, dass das Zimmer oft voll von Utensilien ist, die auch etwas übernotdienst den seelischen Zustand des Patienten verraten. Oft steht ein Angehöriger mit im Zimmer und wirkt hilflos und verzagt, weiß auch nichts zu sagen oder verbirgt, dass er über Beziehungsprobleme mit dem Kranken stark verbunden ist. Die Anweisungen für die nächtlichen Besuche im ärztlichen Notdienst kommen per Funk, A, 3 heißt z. B. dringend jemand mit Bauchbeschwerden. Bei meinem letzten Besuch ging die Fahrt an alten modrigen Häusern vorbei, es regnete und schließlich tauchte eines mit einer schäbigen Fassade im Dunklen auf, aber es stehen schöne großblättrige Platanenbäume in dem schlicht gepflasterten Innenhof, die Eingangstüre offen, eine knarrige Holztreppe in den 3. Stock. Ein Mann macht auf, ich sage: „Notarzt". Zurück ein Ja, eine Handbewegung: „Sie liegt da hinten." Als sei „sie" etwas Unwichtiges, als sei „sie" dahinten hin weggeworfen worden. Wer, sie? Dahinten!? Hinter ihm zurückgeblieben, weg?

Auf einer Matratze am Boden in eine lumpige Decke gehüllt liegt eine Frau, etwas bleich, verwuschelt, vielleicht etwas fiebrig. Ich frage, wo es weh tut und wie und seit wann und ob schon was eingenommen wurde, und sehe „sie" mir an. Sie zieht das Hemd hoch, ich drücke auf den Bauch, erst vorsichtig, ganz behutsam, viel junge Haut über die ich streiche, aber ich tue es wie ein Bildhauer, der mit seiner Hand über die Wölbungen seiner Skulpturen fährt. Wenn der Alabaster noch weich ist, drückt er etwas hinein, stärker, fester, um ihn zu formen. Ja, es könnte eine Blinddarmreizung sein, sage ich, nachdem ich die Bildhauerhand wieder zurückgezogen habe. Aber der Schmerz ist nicht überstark, und es gibt auch keine Abwehrspannung, also keine durch bereits sich entwickelnde Entzündung verursachte Verhärtung. Man kann bis morgen warten, beruhige ich die Frau zu dem etwas unruhig flackernden Glühlampenlicht in der Kammer. Auch jetzt stützt der Regen durch sein monotones Klopfen an den Fenstern meine Beschwichtigungen. Dop, dop, dop, dumpf, dösig, dämpfend. Ich verordne etwas, schreibe ein paar Papiere, stehe auf und verabreiche zum Abschied das empathische Lächeln, das wohlwollende, das von Bauch zu Bauch kommt - in diesem Fall: sozusagen wortwörtlich. Der Regen tut wirklich gut. Er schadet nicht.

Ja, man muss etwas geben, man muss jedem Menschen etwas geben, sei´s auch nur eine Kleinigkeit. Wenn ich schon keine sichere Diagnose stellen kann, und das ist ja sehr oft der Fall, weil man nur für einen kurzen Besuch Zeit hat, dann ist wenigstens eine kleine zusätzliche Bemerkung zum Traurigen der Krankheit, zum Unbesonderen des Alltags oder zum Beispiel zu dem „die da hinten" fällig. „Das sagt er immer", hat sie erwidert. Er, der „er da". Na, „er ist halt nicht wie eine Mutter", sage ich und habe so noch schnell eine psychoanalytische Deutung verpasst. Aber auch die Mütter sind nicht mehr so wie früher - was ich allerdings nur denke und nicht dazu sage. Vielmehr verabschiede ich mich mit eben diesem Lächeln und schreibe ein Rezept aus. Aber das Medikament, das ich verschreibe, hat nichts mit dem wirklichen Geben zu tun, von dem ich gerade sprach. Es ist nur ein äußeres Korrelat.

Viel lieber wäre es mir, ich hätte die gesamte Situation verbessern können, die trübe Stimmung, das Mysterium der Krankheit. Doch das sind meine überhöhten und unrealistischen Ansprüche. Größenphantasien. So springe ich also wieder hastend die Treppe hinunter, schicke dem ganzen noch einige Gedanken hinterher. . . Wenn es jetzt doch der Blinddarm ist . . ? Wir haben noch einige Fälle offen. . . Habe ich jetzt nicht zu lange gebraucht, rumgeredet, gedacht, ich könnte das Befinden der Kranken aufhellen? Habe ich gedacht, der Arzt ist eine Respektperson und dass das Wirkung macht? Eitelkeiten also, statt absoluter Sachlichkeit?

Wie gut, dass der Regen meine Gedanken etwas verwischt. Eine Blinddarmentzündung kann sich schnell entwickeln, aber hier bin ich mir sicher, dass wenigstens die nächsten zwölf Stunden nichts passieren wird. Falls es morgen nicht besser ist, so habe ich noch zur Patientin ergänzend gesagt, sollte sie in die Ambulanz einer Klinik gehen und sich dort die Leukozyten (weiße Blutzellen) bestimmen lassen. Diese zeigen an, ob eine schlimmere Entzündung vorliegt. Leider muss man sich nach allen Seiten hin absichern. Unglücklicherweise muss man nicht nur an den Kranken und sein Leid denken, sondern auch an die Justiz. Ich habe ein absolut sicheres Gefühl, dass die Patientin im Moment keine Blinddarmentzündung hat. Ja, ich bin mir sogar sicher, dass sie an etwas Psychosomatischem leidet. Die Beziehung zu ihrem Mann oder Freund schien ja am Tiefpunkt zu sein. Die ganze Wohnung strahlte so etwas Tristes, Achtloses, leicht Chaotisches aus. Die Kleidung freudlos, das Licht fahl. Aber wenn es der Fall X ist, der Fall unter hunderttausend, der dann doch morgen eine akute Appendizitis zeigt, wird es heißen: warum hat der Notarzt Sie nicht eingewiesen, warum hat er nichts unternommen? Die Juristen fahren im Notdienst immer mit, schade.

Doch langsam wird sichtbar werden, warum ich Eros und Thanatos, S. Freuds Primärtriebe, Grundprinzipien, auch zur Basis meiner Erfahrungen mache. Psychosomatik ist eben ohne den Bezug zum Tod, zum Sterben des Körpers, nicht denkbar. Aber der Körper als solcher wiederum, als strukturelles Ganzes, als Zeichen eines Subjekts, das ist Leben, Eros. In Änderung zu Freud gehe ich davon aus, dass Eros-Leben und Thanatos-Tod nur unbewusste Spiegelungen sind. Sie spiegeln sich gegenseitig, und die „Seele", das eigentlich Unbewusste, ist etwas anderes. Es ist etwas, das „Spricht", das in uns „Verlautet", das „Tönt", das eine Syntax und eine Grammatik hat. ...das Metaphern produziert und das alle diese Spiegelungen metaphorisiert und vernehmen lässt. Aber sehen wir weiter.

Ein weiterer Besuch galt noch einer jungen Frau, die von schrecklichen Kopfschmerzen geplagt war und die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. War es eine Migräne oder eine atypische Neuralgie? In so einem Fall kann man meist nur symptomatisch behandeln, also ein Schmerzmittel geben, eine Spritze Novaminsulfon. Ihre Wohnung war so ein bisschen spirituell-esoterisch eingerichtet. Kleine Kerzen überall, Deckchen auf denen eine Schale mit Öl oder Wasser stand, Mineralien in einem Kreis geordnet, Papierblumen, Sterne, Gold und etwas Flitter. Und eine Heiligenfigur sowie Bilder und Bücher von und über die Heilige Theresa von Avila. Ach, das war sie, das wollte sie sein, meine Patientin! So eine Heilige wie die von Avila. Zart waren sie - meine reale Patientin und die Heilige Theresa auf dem Bild - filigran fast, etwas ausgezehrt von Gebets- und Meditationsübungen. Das, diese Sehnsucht nach Identität mit einer Heiligen, die Verzauberung und doch Entrückung / Erdrückung in den konvulsivischen Ekstasen bedeuteten die Kopfschmerzen meiner Patientin, und es waren die gleichen, die auch die Theresa von Avila beschrieben hat. Fürchterliche Qualen hatte jene durchzustehen gehabt, weil sie lange Zeit nicht wusste, ob ihre „Schauungen" vom Teufel oder von Gott kamen.

heydeckerBild von T. Heydecker: LOVE - SICK.

Das Bild zeigt die Ineinanderverwobenheiten von Sehnsucht und Krankheit, Liebe und Tod, Eros und Thanatos. Aber weil es ein Kunstwerk ist, vermittelt es uns all diese Gegensätze und Widersprüche in einer ertragbaren und wieder neu lebbaren Form.

 

 

Nach einer enttäuschten Liebesbeziehung war die Heilige Theresa damals in schwere Krankheit verfallen und später von erotischen Verzückungen - ein jünglingshafter Engel stieß ihr ständig eine Lanze ins Herz und zog diese wieder zurück, um von neuen zuzustechen - und peinigenden Schmerzen hin- und hergerissen. Schließlich - so die historische Theresa - habe sie die Trinität „gesehen", hatte sie eine Vision der Dreieinigkeit, des Höchsten, der Vollendung gehabt. Und danach sehnte sich auch meine kleine Patientin, ja, sie hielt sich wohl schon selbst für so weit. Denn es lag auch ein Bericht aus einer Nervenklinik am Tisch, den sie mir dann zu lesen erlaubte. Man hatte eine „histrionische Persönlichkeitsstruktur"[1] diagnostiziert mit Neigung zu epileptischen Anfällen und Anklängen an überwertige religiöse Ideen. Was da drin steht, dürfe man alles nicht so ernst nehmen, versicherte mir die junge Frau, nein, Medikamente wolle sie keine nehmen. Aber es sei immer wieder einmal zu Anfällen gekommen, eine Freundin habe sie gefunden, wie sie ganz verkrampft war. „Aber es waren spirit . . .",  sie sprach es nicht aus, dass es wohl göttliche Heimsuchungen gewesen sein sollten. Sie wollte nicht wahrhaben, dass sie nur eine überzarte Neurotikerin, eine schwache Kranke war, verliebt in die mittelalterliche Historie mit ihren phantastischen Himmeln und Höllen, mit ihrer reinen, wenn auch selbstquälerischen Erotik. Sie tat mir so leid. Sie war ja durchaus eine wahre Seele, eine Inbrünstige.

„Muss man sich nicht heute eine moderne Vision suchen", fragte ich sie? „Eine psychologische, analytische, psychokathartische, irgend so etwas, was es doch heute überall gibt"? Mein Gott, wie weit liegen die Dinge auseinander! Eine Spritze Novaminsulvon gegen das ganze Universum göttlicher Objekte! Man wird ihr wieder Antiepileptika geben, wenn die Anfälle häufiger werden. Man wird ihr die Theresa von Avila ausreden müssen. Für solche Menschen ist die westliche Industrie-, Handels- und Wissenschaftswelt nicht geschaffen. Aber auch eine Psychoanalyse könnte ihr möglicherweise nicht helfen. Was hätte sie davon, wenn man ihr - und so evtl. auch der historischen Heiligen - die verdrängten infantil-erotischen Impulse offen gelegt und zerpflückt hätte? Sie würde nur zur Märtyrerin, die neue Prüfungen zu bestehen hätte, neue Leiden, wenn es überhaupt noch dazu käme und sie nicht in einem Heim verschwände. Das Wort erotisch würde sie doch gar nicht verstehen. Sie sucht ja die Liebesekstasen, die romantischen Verzückungen, die himmlischen Liebkosungen. Sie tat mir leid und ich musste es dabei belassen. Sie war so einsam, aber ich konnte doch nicht der Jüngling mit der Lanze sein - obwohl ich, als ich ihr die intravenöse Spritze gab, heftigst an diesen Vorgang dachte und die martialisch-libidinöse Ähnlichkeit bemerkte (allerdings war ich für einen Jüngling zu alt). Sie seufzte auch etwas emotional betont, als ich die Spritze wieder zurückzog und ein Tropfen Blut aus der Vene trat. Eine phallische Lanze, die spirituell verbrämt ist und eine ebensolche Spritze, die naturwissenschaftlich daherkommt!

Eben, hier sieht man es ganz deutlich: Eros und Thanatos ganz nahe beieinander. Ich habe das oft erlebt, diese erregte Ruhe, dieses cool gehaltene Beben, wenn man z. B. jemanden mit einem Herzrasen eine Spritze Verapamil[2] gibt. Dass hinter dem Herzrasen, hinter der tachycarden Aufwühlung, oft eine solche unbewusster Gefühle, verdrängter erotisierter Vorstellungen oder aggressiv erregter Erinnerungen steckt, ist wahrscheinlich nicht schwer nachzuvollziehen. Und als Arzt ist man dabei eben auch nicht nur cool und sicher, sondern angespannt, lauernd, in leichter emotionaler Besorgtheit. Schließlich kann, selbst wenn der Puls durch die Injektion heruntergeht, auch der Blutdruck abfallen. Das vom Herzvorhof ausgehende Herzrasen könnte in andere Rhythmusstörungen übergehen, der Patient könnte sich schlechter fühlen oder gar kollabieren. Erregungen auf beiden Seiten also, auf der des Arztes, wie des Patienten, Anspannungen, die in die tiefsten Zonen des Körperlichen hineinreichen. Nicht gerade Lust, aber doch Beben, sinnlich Unbewusstes eben, das ganz nahe dem Hinfälligen, Ohnmächtigen, Todesähnlichem steht. Erotisches, das krank ist. Manchmal sogar todkrank. ..."

literatureBezugsquelle: Nachts, im Notdienst fahren: Ärztlich - psychologische Reflexionen

Autor: Dr. Günter von Hummel


[1] Etwas, das man früher als hysterische Neurose bezeichnet hat.

[2] Ein Mittel zum Verlangsamen des Pulses und auch zur Blutdrucksenkung.


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